Drei Jahre Bildungsstillstand: Gaza startet unter Trümmern ins neue Schuljahr
Gaza, den 19. September /QNA/ Nach einer dreijährigen Unterbrechung infolge des israelischen Krieges gegen den Gazastreifen hat das palästinensische Bildungsministerium den Beginn des neuen Schuljahres angekündigt. Für mehr als eine halbe Million Schülerinnen und Schüler markiert dieser Tag die Rückkehr in den Unterricht. Allerdings findet Lernen vielerorts unter Bedingungen statt, die mit regulärem Schulbetrieb kaum noch vergleichbar sind.
Schon in den frühen Morgenstunden machten sich Kinder und Jugendliche auf den Weg zu den von den Behörden eingerichteten Unterrichtsstandorten. Der Schulalltag spielt sich häufig zwischen Ruinen, Trümmerfeldern und zerstörter Infrastruktur ab. Hunderttausende Schülerinnen und Schüler besuchen provisorische Klassenräume in Zelten, beschädigten Schulgebäuden oder Notunterkünften, denen es an grundlegender Ausstattung fehlt.
Die Folgen der vergangenen drei Jahre lasten schwer auf dem Bildungssektor. Vertreter des Bildungsministeriums sprechen von einer systematischen Zerstörung des Bildungswesens, die weit über Sachschäden hinausgehe und langfristige Auswirkungen auf die gesellschaftliche Entwicklung des Gazastreifens haben könne.
Ahmed Al Najjar, Direktor für Öffentlichkeitsarbeit und Medien im Bildungsministerium von Gaza, erklärte gegenüber der Katarischen Nachrichtenagentur (QNA), dass seit Beginn des Krieges im Oktober 2023 mehr als 20.051 Schülerinnen und Schüler im schulpflichtigen Alter ums Leben gekommen seien. Hinzu kämen mehr als 532 getötete Lehrkräfte aus staatlichen, privaten und UNRWA-Schulen sowie über 769 Mitarbeitende des Bildungsministeriums.
Gleichzeitig seien mehr als 19.886 Schülerinnen und Schüler aufgrund mehrfacher Vertreibungen, Auslandsaufenthalte, Inhaftierungen oder schwerer Verletzungen aus dem Bildungssystem ausgeschieden.
Diese Entwicklung hat nach Angaben der Behörden zu einer erheblichen demografischen Lücke geführt. Unter normalen Umständen hätte die Zahl der Schülerinnen und Schüler im Schuljahr 2026/2027 bei rund 665.769 gelegen. Tatsächlich rechnen die Verantwortlichen jedoch mit lediglich 625.832 Lernenden. Damit ergibt sich ein kumulativer Rückgang um nahezu 40.000 Kinder und Jugendliche, wobei jene nicht berücksichtigt sind, die keinen Zugang zu den provisorischen Bildungsangeboten erhalten haben.
Besonders gravierend fallen die Schäden an der Bildungsinfrastruktur aus. Vor Kriegsbeginn verfügte der Gazastreifen über 584 Schulgebäude. Nach Angaben der Generaldirektion für Schulbauten wurden 96 Gebäude vollständig zerstört und 44 weitere teilweise vernichtet. Weitere 137 Schulen erlitten schwere, mittlere oder leichte Schäden, wodurch ein Großteil der Einrichtungen entweder unbenutzbar wurde oder nicht mehr zugänglich ist.
Mit dieser Entwicklung ging eine drastische Einschränkung des Unterrichtsumfangs einher. Die Zahl der Schultage verringerte sich von ursprünglich 200 auf lediglich 60 Tage pro Jahr, während die wöchentliche Unterrichtszeit von 30 auf zwölf Stunden gekürzt wurde. Auch das Fächerangebot ist inzwischen auf vier Kernbereiche begrenzt: Arabisch, Mathematik, Naturwissenschaften und Englisch. Darüber hinaus wurden praxisorientierte Aktivitäten um 60 Prozent reduziert.
Auch personell steht das Bildungssystem unter enormem Druck. Insgesamt können nach Angaben des Ministeriums 26.776 Beschäftigte des Bildungssektors, darunter 22.030 Lehrkräfte, ihre regulären Aufgaben aufgrund von Vertreibung, Sicherheitsrisiken und fehlenden Arbeitsbedingungen nicht wahrnehmen.
Trotz der schwierigen Lage gelang es dem Ministerium, den Unterricht teilweise wieder aufzunehmen. Zu diesem Zweck wurden Dutzende Feldschulen und alternative Lernorte eingerichtet sowie mit den verfügbaren Möbeln und Unterrichtsmaterialien ausgestattet. Nach Einschätzung der Verantwortlichen können diese Maßnahmen jedoch lediglich eine Notlösung darstellen und den regulären Präsenzunterricht in sicheren Schulgebäuden nicht ersetzen.
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