Funktionär aus Gaza zu QNA: Nach 1000 Tagen Krieg … Gaza meldet verheerende humanitäre Bilanz
Gaza, den 02. Juli /QNA/ Nach 1000 Tagen des seit dem 7. Oktober 2023 andauernden israelischen Krieges gegen den Gazastreifen hat Ismail Al Thawabta, Leiter des staatlichen Medienbüros in Gaza, eine erschütternde Bilanz der humanitären, sozialen und infrastrukturellen Lage gezogen.
In einem Gespräch mit der Katarischen Nachrichtenagentur (QNA) erklärte er, die von Regierungsstellen, offiziellen Institutionen und UN-Berichten dokumentierten Zahlen machten deutlich, welches Ausmaß die Zerstörung inzwischen angenommen habe.
Al Thawabta zufolge sei der Gazastreifen, in dem mehr als 2,4 Millionen Menschen leben, in nahezu allen Lebensbereichen schwer getroffen worden. Mehr als 90 % der zivilen Infrastruktur seien zerstört oder massiv beschädigt worden, während die israelische Armee durch Militäroperationen, Vertreibungen und Beschuss mehr als 80 % der geografischen Fläche des Küstengebiets unter ihre Kontrolle gebracht habe. Seit Kriegsbeginn seien über 223.000 Tonnen Sprengstoff auf Städte, Wohngebiete und auch auf Zonen abgeworfen worden, die zuvor als angeblich „humanitäre Sicherheitsgebiete“ ausgewiesen worden seien. Allein das Gebiet al-Mawasi im Süden des Gazastreifens sei nach seinen Angaben 241 Mal bombardiert worden.
Besonders gravierend sei die Opferbilanz, sagte er weiter und ergänzte, Seit Beginn des Krieges seien 73.066 Tote in Krankenhäuser gebracht worden. Hinzu kämen rund 9.500 Menschen, die weiterhin unter den Trümmern vermutet würden oder deren Schicksal unbekannt sei. Kinder, Frauen und ältere Menschen machten mehr als 55 % der Opfer aus. Unter den Getöteten seien mehr als 21.500 Kinder, über 12.500 Frauen, darunter mehr als 9.000 Mütter, sowie rund 22.500 Väter.
Der Gaza-Funktionäre führte ferner aus, auch Kleinkinder seien in großem Umfang betroffen. Mehr als 1.022 Kinder, die das erste Lebensjahr noch nicht vollendet hätten, seien getötet worden. Darüber hinaus seien 520 Säuglinge, die während des Krieges geboren worden seien, noch im selben Zeitraum ums Leben gekommen. Al Thawabta sprach von einer systematischen Auslöschung ganzer Familien: 39.022 Familien seien von Massakern betroffen gewesen. Mehr als 2.700 Familien seien vollständig aus dem Personenstandsregister gelöscht worden; dabei seien 8.574 Menschen getötet worden. Weitere 6.020 Familien hätten jeweils nur einen einzigen Überlebenden, während 12.917 ihrer Angehörigen ums Leben gekommen seien.
Laut ihm richteten sich die Angriffe auch gegen medizinisches Personal, Einsatzkräfte, Journalisten und kommunale Mitarbeiter. Getötet worden seien 1.700 Angehörige des Gesundheitswesens, 145 Mitarbeiter des Zivilschutzes, 262 Journalisten sowie mehr als 194 Beschäftigte der Kommunalverwaltungen, darunter vier Bürgermeister. Zudem seien mehr als 2.800 Polizisten und für die Sicherung von Hilfslieferungen zuständige Personen sowie über 928 Menschen aus dem Sportbereich getötet worden.
Neben direkten Angriffen, so er, hätten Hunger, Kälte und der Zusammenbruch des Gesundheitssystems weitere Todesopfer gefordert. 460 Menschen seien infolge von Hunger und Mangelernährung gestorben, darunter 164 Kinder. 23 Menschen seien durch fehlerhafte Luftabwürfe von Hilfsgütern ums Leben gekommen. In den provisorischen Lagern für Vertriebene seien 28 Menschen, darunter 25 Kinder, an extremer Kälte gestorben. Besonders dramatisch sei die Lage chronisch Kranker: 43 % der Nierenpatienten seien infolge fehlender Behandlungsmöglichkeiten gestorben. Zudem seien mehr als 12.000 Fehlgeburten bei schwangeren Frauen registriert worden.
Die Zahl der Verletzten, die Krankenhäuser erreicht hätten, bezifferte Al Thawabta auf 173.514. Mehr als 19.000 von ihnen benötigten langfristige medizinische Rehabilitation. Der Krieg habe über 5.400 Amputationsfälle verursacht, wobei Kinder 18 % dieser Fälle ausmachten. Hinzu kämen 1.500 Fälle von Lähmungen, 1.200 Fälle von Erblindung sowie 433 verletzte Journalisten. Zudem seien 362 medizinische Fachkräfte festgenommen worden; 83 von ihnen befänden sich weiterhin in israelischer Haft.
„Auch die sozialen Folgen sind tiefgreifend“, fügte er hinzu. 26.370 Frauen seien verwitwet, nachdem ihre Ehemänner getötet worden seien. Zudem hätten 58.800 Kinder einen oder beide Elternteile verloren: 2.700 Kinder seien Vollwaisen, 6.100 hätten ihre Mutter und 50.000 ihren Vater verloren. In den überfüllten Vertriebenenlagern hätten sich Infektionskrankheiten rasant ausgebreitet. Insgesamt seien mehr als 2,142 Millionen Fälle verschiedener ansteckender Krankheiten registriert worden, darunter 71.338 Fälle von Hepatitis.
Besonders schwer getroffen worden sei das Gesundheitssystem. Nach Angaben des Leiters des staatlichen Medienbüros in Gaza seien 38 Krankenhäuser und 96 Gesundheitszentren bombardiert, zerstört oder außer Betrieb gesetzt worden. 197 Krankenwagen seien angegriffen worden. Insgesamt habe es mehr als 788 direkte Angriffe auf Einrichtungen, Fahrzeuge, Personal und Lieferketten des Gesundheitswesens gegeben. Auch der Zivilschutz sei massiv geschädigt worden: 16 seiner Zentren seien vollständig zerstört worden, während 84 Rettungs- und Feuerwehrfahrzeuge vollständig oder teilweise zerstört worden seien.
Al Thawabta fuhr fort: „Im Bildungssektor ist die Lage ebenfalls katastrophal.“ Sämtliche Schulen im Gazastreifen hätten durch direkten oder indirekten Beschuss Schäden erlitten. 81 % der Schulgebäude müssten grundlegend wiederaufgebaut oder umfassend saniert werden. Rund 40 % dieser Gebäude lägen innerhalb der sogenannten gelben Linie. 80 Schulgebäude seien direkt getroffen und schwer beschädigt worden. Zudem seien 17 Hochschulen ganz oder teilweise zerstört worden. Mehr als 20.051 Schüler, über 830 Lehrkräfte und pädagogische Mitarbeiter sowie mehr als 194 Wissenschaftler, Akademiker und Forscher seien getötet worden. Mehr als 19.886 Studierende hätten den Gazastreifen während des Krieges verlassen müssen. Insgesamt seien über 620.000 schulpflichtige Kinder und mehr als 90.000 Studierende ihres Rechts auf Bildung beraubt worden.
Auch religiöse Einrichtungen und Friedhöfe blieben nicht verschont, bestätigte er. Von ursprünglich 1.275 Moscheen seien 1.047 vollständig zerstört worden, weitere 210 teilweise. Drei historische Kirchen seien wiederholt angegriffen worden. 312 Imame, Prediger, Koranlehrer und religiöse Gelehrte seien getötet worden, während 37 weiterhin als Gefangene oder Vermisste gelten. Von 60 Friedhöfen im Gazastreifen seien 40 zerstört worden. Zudem seien mehr als 2.450 Leichname von Toten und getöteten Palästinensern entwendet worden. In Krankenhausanlagen seien sieben Massengräber angelegt worden, aus denen medizinische Teams später 529 Leichen geborgen hätten.
Zudem betonte er, die Zerstörung des Wohnraums habe ein beispielloses Ausmaß erreicht. Insgesamt seien 227.703 Gebäude beschädigt worden, darunter 510.000 Wohneinheiten. Vollständig zerstört worden seien 335.000 Gebäude und Wohnungen; weitere 75.000 seien so schwer beschädigt, dass sie unbewohnbar seien. Damit belaufe sich die Zahl vollständig zerstörter oder unbewohnbarer Gebäude und Wohneinheiten auf 410.000. Mehr als 100.000 weitere Wohneinheiten seien teilweise beschädigt, jedoch noch bewohnbar. Über 350.000 Familien benötigten deshalb sofortige Unterkünfte. Gleichzeitig seien mehr als zwei Millionen Menschen gewaltsam vertrieben worden. Ihre Unterkünfte und Sammelorte seien 346 Mal angegriffen worden. Von 135.000 Zelten seien mehr als 132.000 inzwischen so verschlissen, dass sie nicht mehr als angemessene Unterkunft gelten könnten.
Al-Thawabta warnte, die Blockade des Gazastreifens verschärfe die Lage zusätzlich. Seit mehr als 650 Tagen seien alle Grenzübergänge vollständig geschlossen. Israel habe die Einfahrt von mehr als 390.000 Lastwagen mit humanitärer Hilfe und Treibstoff verhindert. Dies sei Teil einer Politik, die auf Aushungerung abziele. Angegriffen worden seien zudem 48 Suppenküchen und 64 Zentren zur Verteilung von Hilfsgütern. 556 Helfer und im humanitären Bereich tätige Personen seien getötet worden. Hilfskonvois und humanitäre Sendungen seien 128 Mal direkt ins Visier genommen worden.
„Auch schwer kranke Menschen können den Gazastreifen nicht verlassen“, beklagte Al Thawabta. Mehr als 22.000 Kranke und Verletzte würden an der Ausreise gehindert, darunter über 5.200 Kinder, die dringend medizinisch evakuiert werden müssten. 12.500 Krebspatienten seien akut vom Tod bedroht, während 350.000 chronisch Kranke infolge des Mangels an Medikamenten in Lebensgefahr schwebten. Hinzu kämen 3.000 Patienten mit schweren unheilbaren Krankheiten sowie rund 107.000 schwangere und stillende Frauen, die kaum Zugang zu medizinischer Versorgung hätten.
Auch die öffentliche Infrastruktur sei weitgehend zerstört. 725 zentrale Wasserbrunnen seien zerstört oder außer Betrieb gesetzt worden. 134 Projekte zur Versorgung mit Süßwasser seien angegriffen worden. Darüber hinaus seien mehr als 700.000 laufende Meter Wasserleitungen, eine ebenso große Länge an Abwassernetzen sowie über drei Millionen laufende Meter Straßen und Verkehrswege zerstört worden.
Zum Schluss wies Al Thawabta auf die Zerstörung der wirtschaftlichen Lebensgrundlagen hin. Mehr als 87 % der landwirtschaftlichen Flächen des Gazastreifens seien zerstört worden. Von insgesamt 182.247 Dunam landwirtschaftlicher Fläche sei der Großteil nicht mehr nutzbar. 8.700 landwirtschaftliche Brunnen seien zerstört oder außer Betrieb gesetzt worden. 7.748 Vieh- und Geflügelbetriebe seien angegriffen worden. Mehr als 87 % der Gewächshäuser seien zerstört, über 69.000 Nutztiere verendet. Die jährliche Produktion von Gemüse und Obst sei von 524.000 Tonnen auf nur noch 20.000 Tonnen eingebrochen. Die Fischerei sei durch Angriffe auf Boote, Infrastruktur und Fangmöglichkeiten zu 99 % geschädigt worden.
Al Thawabta veranschlagte die direkten und vorläufigen materiellen Schäden in 15 lebenswichtigen Sektoren auf rund 80 Milliarden US-Dollar. Betroffen seien unter anderem Wohnungsbau, Gesundheit, kommunale Dienstleistungen, Handel, Bildung, Industrie, Landwirtschaft, Telekommunikation, Verkehr sowie weitere grundlegende Versorgungsbereiche.
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