Syrien als Energiekorridor: Experten sehen Potenzial, aber hohe Hürden
Damaskus, den 19. Oktober /QNA/ An geografischen Vorzügen und an Infrastruktur, so die Einschätzung mehrerer Wirtschaftsexperten und Energieforscher in Syrien, mangle es Damaskus nicht, um als regionaler Korridor für Öl, Gas und Handel eine wachsende Rolle zu spielen. Doch zwischen Möglichkeit und wirtschaftlicher Wirklichkeit liegen, wie sie betonten, beträchtliche Investitionen, sicherheitspolitische und rechtliche Stabilität und langfristige Abkommen – und nicht zuletzt der Vorrang, den die Erholung des Energiesektors und die Versorgung des eigenen Marktes verdienten.
Die Experten erklärten gegenüber der Katarischen Nachrichtenagentur (QNA), funktionierende Energiekorridore könnten Syrien Einnahmen aus Transit-, Lager- und Umschlaggebühren, aus Häfen und Logistik bescheren, Arbeitsplätze schaffen und Ingenieurwesen, Baustoffindustrie und Petrochemie beleben; einen Teil davon gelte es dem Wiederaufbau, dem Stromsektor und einer nachhaltigen Entwicklung zuzuführen.
Dr. Mohammad Taysir Al Faqih, akademischer Forscher, Finanzberater und Lehrender an der Privatuniversität Jarmuk, sieht Syrien in einer Schlüsselrolle: „Syrien dürfte als unterstützende regionale Plattform für den Transport von Öl und Gas eine zentrale Rolle spielen, gestützt auf eine Lage, die die Förderfelder im Irak und am Arabischen Golf über die Häfen Banias, Tartus und Latakia oder über Landwege in Richtung Türkei mit den Märkten Europas verbindet.“
Kürzere Landwege im Vergleich zu den herkömmlichen Seerouten und die Möglichkeit, bei Engpässen in Meerengen wie Hormus oder Bab al-Mandab Ausweichrouten anzubieten, zählte Al Faqih zu den Wettbewerbsvorteilen des Landes; würden Infrastruktur, Häfen und Schienennetze modernisiert, könne Syrien zu einem integrierten Logistikzentrum für Energie und Waren werden.
Dass diese Vision gelinge, setze jedoch wettbewerbsfähige Transit- und Versicherungsgebühren voraus und eine sicherheitspolitische wie regulatorische Stabilität, die langfristiges Auslandskapital anzuziehen vermag, hob er hervor.
Als eine der aussichtsreichsten Chancen nannte er die Sanierung der Pipeline Kirkuk–Banias: Am 17. Juli hätten die Syrische Erdölgesellschaft und die irakische Basra Oil Company mit einem internationalen Konsortium Absichtserklärungen unterzeichnet, um technische und finanzielle Studien für eine Leitung mit einer angestrebten Kapazität von rund zwei Millionen Barrel täglich vorzubereiten.
Das Vorhaben, so Al Faqih, würde die Exportwege irakischen Öls zum Mittelmeer hin auffächern und die Abhängigkeit von den südlichen Häfen und der Straße von Hormus mindern, während Syrien auf Transitgebühren von geschätzt rund 200 Millionen US-Dollar jährlich hoffen könne, ergänzt um Einnahmen aus Lagerung und Hafenumschlag.
Über die Vier-Meere-Initiative und das Projekt „4+1“ sagte er: „Die Vision will den Arabischen Golf mit dem Kaspischen Meer, dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer verbinden und Syrien als internationalen Knotenpunkt für Energie, Logistik und Handel festigen; sie umfasst die Modernisierung der Tapline und der Leitung Kirkuk–Banias, die Prüfung einer Gaspipeline über Saudi-Arabien, Jordanien und Syrien in die Türkei, eine Gasverflüssigungsanlage in Banias und eine Schnellbahnstrecke in die Türkei.“
Energiekorridore, so wiederholte er, könnten Einnahmen, Arbeitsplätze und industrielle Impulse bringen; einen Teil der Erlöse in Wiederaufbau, Stromversorgung und nachhaltige Entwicklung zu lenken, sei unverzichtbar.
Nüchterner urteilte Dr. Ziad Ayoub Arbash, Universitätsprofessor und syrischer Energieberater: „Syrien bietet eine flexible Route, die den Transport von Golföl, vor allem aus dem Irak, als strategische Option und als wichtigen Zugang zum Mittelmeer erleichtert. Die Straße von Hormus aber kann es nicht ersetzen, denn mehr als zwei Drittel der täglich rund 20 Millionen Barrel Öl und nahezu das gesamte Flüssiggas passieren sie. Diese Flexibilität setzt Finanzierung, Sicherheitsgarantien und belastbare Handelsabkommen voraus.“
Die Erholung des heimischen Energiesektors müsse Vorrang behalten, mahnte Ayoub Arbash gegenüber QNA, solange die Ölförderung unter 80.000 Barrel täglich liege und das Versorgungsdefizit auf rund 100.000 Barrel anwachse, während auch zwischen Gasförderung und Inlandsbedarf eine Lücke klaffe; vonnöten seien die Instandsetzung bestehender Anlagen, leistungsfähigere Raffinerien und gesicherter Brennstoff für die Stromerzeugung.
Die Sanierung der Pipeline Kirkuk–Banias, räumte er ein, gehöre zu den bedeutendsten Vorhaben für Syriens Platz im regionalen Energienetz; ungeklärt seien jedoch noch Trasse, Kosten und Betriebskapazität, ebenso Lieferverpflichtungen sowie Sicherheits- und Betriebsregelungen.
Zwischen Absichtserklärungen, finanzierten Projekten und verbindlichen Abkommen sei sorgfältig zu unterscheiden, betonte Ayoub Arbash; das Investitionsklima müsse sich bessern, Verträge müssten durchsetzbar und Zahlungs- wie Streitbeilegungsmechanismen klar geregelt sein.
Einen schrittweisen Weg empfahl er: zunächst die heimische Energieversorgung verbessern und bestehende Netze und Anlagen instand setzen, sodann unabhängige Studien zu den regionalen Verbundprojekten abschließen und erst dann große Investitionen wagen, wenn Wirtschaftlichkeit, Finanzierung und Sicherheitsgarantien gegeben seien.
Syriens Erfolg, gab er zu bedenken, messe sich nicht an der Zahl verkündeter Korridore, sondern an der Fähigkeit, sichere und wirtschaftlich tragfähige Projekte zu verwirklichen, die den Inlandsbedarf decken und die regionale Integration voranbringen.
Dr.-Ing. Musab Al Shabib, Energieforscher und Dekan der Fakultät für Ingenieurwesen an der Universität Idlib, teilte diese Sicht: „Ob Syrien ein regionaler Energiekorridor werden kann, entscheidet nicht die Geografie allein, sondern die Fähigkeit, im Vergleich zu den Alternativen eine verlässliche und wirtschaftlich sinnvolle Route zu bieten.“
Einen praktischen Hinweis auf dieses Potenzial liefere das Gasnetz, das Syrien durchquert und dessen verbundener Abschnitt zwischen jordanischer und türkischer Grenze rund 566 Kilometer misst und bis zu elf Millionen Kubikmeter täglich befördern kann, erläuterte Al Shubaib gegenüber QNA – wobei die Auslegungskapazität weder Volllastbetrieb noch dauerhafte Erträge garantiere.
Ihm zufolge entspräche ein Betrieb der Leitung Kirkuk–Banias mit zwei Millionen Barrel täglich rund 730 Millionen Barrel im Jahr; bei 70 US-Dollar je Barrel ergäbe sich ein theoretischer Handelswert von etwa 51 Milliarden US-Dollar jährlich, an dem Syrien über Transit, Lagerung und Umschlag teilhaben könnte – sofern die tatsächlichen Mengen und Verträge dies tragen.
Die Vier-Meere-Initiative und „4+1“ könnten Syrien, indem sie Pipelines, Häfen und Eisenbahnen verknüpfen, in den regionalen Lieferketten neu verorten und Logistik- und Industriezonen in Hafennähe ermöglichen, die Einnahmen aus Lagerung, Verarbeitung und Reexport erwirtschaften – nicht allein aus Transitgebühren.
Als größte Herausforderungen benannte Al Shabib den enormen Finanzbedarf, den Schutz der Pipelines, die beschädigte Infrastruktur, die Stabilität des rechtlichen und regulatorischen Rahmens sowie verlässliche Schieds- und Streitbeilegungsverfahren; nur wenn operatives, rechtliches und wirtschaftliches Vertrauen wachse, könne die syrische Route zu einer wettbewerbsfähigen, langfristigen Wahl werden, statt ein bloß verfügbarer geografischer Korridor zu bleiben.
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